Räumliche Perspektiven im Coaching: Eine Einführung

September 30, 2026
Interior of Dutch House, Ca 1670, Painting by Pieter Janssens Elinga

Fragen des Raumes tauchen in meiner Coachingpraxis immer wieder auf. Coachees beschreiben ihre Schwierigkeiten und Möglichkeiten häufig in räumlichen Begriffen: sich in die Ecke gedrängt fühlen, Luft zum Atmen haben, keinen Platz finden, ständig auf dem Präsentierteller stehen, Abstand brauchen. Sie sprechen von Büros, die sie einengen, von Wohnungen, die sich nicht mehr wie die eigenen anfühlen, von Städten, die sie beleben oder erschöpfen, und von digitalen Umgebungen, die allgegenwärtig und zugleich eigentümlich ortlos sind. Dieses räumliche Vokabular ist Teil davon, wie Menschen ihr Leben erfahren und ihre eigene Handlungsfähigkeit deuten. Das passt zu Forschungen darüber, wie Metaphern Erfahrung strukturieren (Lakoff & Johnson, 1980).

Viele Coachinggespräche sind, unter anderem, Gespräche über Raum. Wenn es um Konflikte am Arbeitsplatz geht, führt das oft zu einer Kartierung räumlicher Anordnungen: Wer sitzt wo, wer hat eine Tür, wer geht durch welchen Flur, wer ist permanent erreichbar und wer kann sich zurückziehen. Fühlt sich jemand in einer neuen Rolle oder einem neuen Land fehl am Platz, reicht diese Erfahrung über Kognition und Überzeugungen hinaus. Sie umfasst leibliche Desorientierung, ungewohnte Rhythmen und das Gefühl, dass die Umgebung einen noch nicht trägt. In ähnlicher Weise führen Schwierigkeiten mit Konzentration, Beziehungen oder Erholung häufig zu einer Betrachtung der Räume, in denen eine Person arbeitet, anderen begegnet, sich bewegt und schläft, und der Art und Weise, wie diese Räume organisiert sind.

Meine Aufmerksamkeit für diese Fragen geht auf viele Jahre als Humangeograph zurück, bevor ich meine Coachingausbildung absolvierte. In dieser Disziplin wird Raum als gelebt, produziert, umkämpft, erinnert und durch soziale Beziehungen strukturiert verstanden. Die Vorstellung von Raum als neutralem Behälter, in dem sich Ereignisse abspielen, ist dort seit Langem Gegenstand der Kritik. In meiner Forschung habe ich mich damit beschäftigt, wie Orte durch alltägliche Praktiken konstituiert werden, wie institutionelle Settings bestimmte Verhaltensmuster stabilisieren, wie Machtverhältnisse räumlichen Ausdruck finden und wie Bindungen an Umgebungen identitätsstiftend werden. Dieser Hintergrund prägt bis heute, wie ich im Coaching zuhöre. Hinter individuellen Erzählungen nehme ich die räumlichen Anordnungen wahr, innerhalb derer diese Erzählungen möglich, schwierig oder unhaltbar werden.

Mein Ansatz arbeitet mit vier Dimensionen: Körper, Raum, Zeit und Beziehungen. Raum fungiert darin als konkrete und als analytische Kategorie. Mich interessiert besonders, wie physische Umgebungen, soziale Settings und symbolische Geographien mit körperlichen Zuständen, zeitlichen Verläufen und Beziehungsmustern zusammenwirken. Eine veränderte Büroaufteilung kann Interaktionsmuster verschieben und beeinflussen, wer wann mit wem spricht. Ein Umzug in eine andere Stadt kann das Selbstverständnis einer Person und ihren Sinn für das Mögliche neu formen. Die Umgestaltung häuslicher Räume kann Erholung, Intimität und Fürsorge innerhalb eines Haushalts neu verteilen. Räumliche Fragen sind somit fester Bestandteil der Prozesse, in denen Entscheidungen und Handlungen Gestalt annehmen.

Viele Coachees haben ein implizites, wenn auch wenig artikuliertes Bewusstsein dafür, wie Raum auf sie wirkt. Sie wissen, dass sie in manchen Räumen klarer denken als in anderen, dass bestimmte Wege durch eine Stadt sie beruhigen und andere sie aufwühlen, und dass sie sich an einem großen Tisch sitzend anders verhalten als stehend in einem Flur. Solche Beobachtungen bleiben meist auf der Ebene impliziten Wissens (Polanyi, 1966). Coaching bietet die Gelegenheit, dieses Wissen in den Vordergrund zu holen und zu untersuchen, wie räumliche Anordnungen das Leben, das Menschen zu führen versuchen, unterstützen oder einschränken.

Diese Reihe entwickelt diese Beobachtungen entlang von fünf theoretischen Traditionen, die mein eigenes Raumverständnis geprägt haben. Die erste ist die Phänomenologie, die ein Vokabular für den gelebten Raum und für den Leib als primäres Medium bereitstellt, durch das Umgebungen erfahren werden (Merleau-Ponty, 1945/2012; Bachelard, 1958/1994). Die zweite ist die humanistische Geographie mit ihrer Aufmerksamkeit für Ort, Bindung, Insideness, Outsideness und Ortlosigkeit (Relph, 1976; Tuan, 1977). Die dritte umfasst relationale und kritische Ansätze, die betonen, dass Raum durch soziale Beziehungen, Macht und ungleichen Zugang hervorgebracht wird (Lefebvre, 1974/1991; Massey, 2005). Die vierte befasst sich mit der Verschränkung von Zeit, Raum und Leiblichkeit und damit, wie gelebte Zeitlichkeit und räumliche Erfahrung sich wechselseitig prägen (Hägerstrand, 1970; Seamon, 1979). Die fünfte wendet sich Beziehungen und dem intersubjektiven Raum zu und fragt, wie der Raum zwischen Personen durch Präsenz, Anerkennung und Interaktion konstituiert wird (Buber, 1923/1970; Honneth, 1992/1995).

Zusammengenommen bieten diese Perspektiven einen differenzierteren Rahmen, um die Situationen zu verstehen, die Menschen ins Coaching mitbringen. Zur Frage, was jemand denkt oder fühlt, treten weitere Fragen hinzu: wo diese Gedanken und Gefühle gelebt werden, wie Umgebungen die Möglichkeiten einer Person strukturieren und in welchen Räumen Veränderung eher oder weniger zugänglich wird. Dies ist der konzeptionelle Rahmen, in dem sich die folgenden Texte entfalten.

Bibliographie

Bachelard, G. (1994). The poetics of space (M. Jolas, Trans.). Beacon Press. (Original work published 1958)

Buber, M. (1970). I and thou (W. Kaufmann, Trans.). Scribner's. (Original work published 1923)

Hägerstrand, T. (1970). What about people in regional science? Papers of the Regional Science Association, 24, 7–21.

Honneth, A. (1995). The struggle for recognition (J. Anderson, Trans.). Polity. (Original work published 1992)

Lakoff, G., & Johnson, M. (1980). Metaphors we live by. University of Chicago Press.

Lefebvre, H. (1991). The production of space (D. Nicholson-Smith, Trans.). Blackwell. (Original work published 1974)

Massey, D. (2005). For space. Sage.

Merleau-Ponty, M. (2012). Phenomenology of perception (D. A. Landes, Trans.). Routledge. (Original work published 1945)

Polanyi, M. (1966). The tacit dimension. Doubleday.

Relph, E. (1976). Place and placelessness. Pion.

Seamon, D. (1979). A geography of the lifeworld: Movement, rest and encounter. Croom Helm.

Tuan, Y.-F. (1977). Space and place: The perspective of experience. University of Minnesota Press.